Hautärztin Dr. Arnoldner: Einblick in Patientenwünsche und Therapieentscheidungen


Neurodermitis ist mehr als nur eine Hauterkrankung: der quälende Juckreiz, die schlaflosen Nächte und die emotionale Belastung können den Alltag zur Qual machen. Diese subjektiven Beschwerden werden jedoch häufig unterschätzt. Dermatologin Dr. Tamara Arnoldner, Oberärztin an der Medizinischen Universität Wien, spricht in diesem Interview über die Belastung durch die Erkrankung und darüber, wie die Patientenversorgung verbessert werden kann. 

Wie wirkt sich Neurodermitis auf das Leben bzw. die Lebensqualität aus?

Dr. Arnoldner: Neurodermitis betrifft viele Lebensbereiche: Patienten leiden sehr unter sichtbaren und unsichtbaren Krankheitslasten, einschließlich Schlafstörungen und psychischen Belastungen, die sich auch auf Beziehungen und den Alltag auswirken können. Eine wissenschaftliche Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der betroffenen Patienten über extremen Juckreiz klagt. Dieser ist oft der Hauptgrund für eine Therapieanpassung. Eine weitere Studie zeigt, dass Neurodermitis noch unzureichend behandelt wird, trotz Verfügbarkeit von Therapien für jeden Schweregrad.

Wie legen Sie die Therapie mit ihren Patienten fest?

Dr. Arnoldner: Zunächst muss der Schweregrad der Erkrankung richtig festgestellt werden. Handelt es sich um eine leichte, mäßige oder schwere Verlaufsform? Manche Patienten befinden sich in einer Zwischenstufe, also beispielsweise zwischen den Kategorien "moderat" und "schwer". Wenn wirkstoffhaltige Cremen und Salben dann nicht mehr ausreichen und der Patient belastet ist, prüfen wir, ob die nächste Therapiestufe in Frage kommt. Dazu zählen sogenannte Systemtherapien. Diese zeitgemäßen Therapien gibt es als Spritzen, Pens oder Tabletten. Wichtig ist ein ganzheitliches Management, da es nicht nur um Hautstabilisierung geht.

Was wünschen sich Patienten von ihrer Therapie?

Dr. Arnoldner: Patienten möchten in der Regel keinen Juckreiz mehr spüren, eine schnelle Verbesserung ihrer Haut erleben und eine gute Kontrolle über ihre Krankheit haben. Sie wollen in ihrem Alltag keine Einschränkungen durch Ekzeme, sei es bei einem Vortrag oder am Tag ihrer Hochzeit. Als Ärzte konzentrieren wir uns darauf, eine wirksame und sichere Therapie zu finden. Dabei beachten wir auch Begleiterkrankungen wie Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und wählen idealerweise eine Therapie, die sich positiv auf diese auswirkt. 



Bessere Aufklärung der Patient*innen ist wichtig, um Unsicherheiten zu verringern und den Therapieerfolg zu steigern

— Hautärztin Dr. Tamara Arnoldner


Welche Herausforderungen sehen Sie in der Kommunikation mit den Patienten?

Dr. Arnoldner: Eine große Herausforderung besteht darin, die Patienten ausreichend über Systemtherapien aufzuklären und ihre Erwartungen zu managen. Dafür braucht es genügend Zeit, um ausführlich über Therapiemöglichkeiten zu sprechen und eine Therapieentscheidung zu treffen. Es ist wichtig, die Patienten aktiv in den Entscheidungsprozess einzubeziehen – nur so kann der Patient die Therapieentscheidung auch mittragen.

Was kann Ihrer Meinung nach getan werden, um die Patientenversorgung zu verbessern?

Dr. Arnoldner: Es bedarf mehr Aufklärung und Zeit im Gesundheitssystem, um die individuellen Therapieziele der Patienten umfassend zu berücksichtigen. Eine stärkere Bewusstseinsbildung über die möglichen Belastungen und Begleiterkrankungen ist ebenfalls wichtig, um die Behandlung so effektiv wie möglich zu gestalten. Letztendlich wollen wir die Patienten dazu ermutigen, offen über ihre Bedürfnisse und Erwartungen zu sprechen, damit wir gemeinsam das bestmögliche Therapieergebnis erzielen können.

Wie kann das Vertrauen in moderne Therapien gestärkt werden?

Dr. Arnoldner: Vertrauen ist ein zentraler Punkt, und viele Patienten haben anfänglich Ängste gegenüber Systemtherapien. Ich stelle jedoch fest, dass, sobald ich erkläre, dass diese schon für Kinder bzw. Jugendliche zugelassen sind, oft ein Umdenken stattfindet. Es ist wichtig, den Patienten die Sicherheit zu vermitteln, dass es immer Alternativen und Pläne gibt, sollte die aktuelle Therapie nicht den gewünschten Erfolg bringen. Das Wissen, dass Plan B oder auch ein Plan C existiert, hilft den Patienten enorm und trägt dazu bei, das Vertrauen in die dauerhafte Krankheitskontrolle zu stärken.


Über Dr. Tamara Arnoldner 

Dr. Tamara Arnoldner ist Oberärztin der Universitätsklinik für Dermatologie an der MedUni Wien. Gemeinsam mit Oberärztin Dr. Christine Bangert leitet sie die Ambulanz für Neurodermitis. Zu ihren Schwerpunkten zählen Allergien und die Behandlung von chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen wie Neurodermitis im Kindes- und Erwachsenenalter.