Minimale Beschwerden, maximale Lebensqualität: Interview mit Hautarzt Dr. Prillinger


Ein wichtiger Faktor für den Therapieerfolg ist das Setzen und Erreichen der richtigen Therapieziele. Hautarzt Dr. Knut Prillinger erläutert in diesem Interview, wie Patienten und Ärzte gemeinsam dem  Ziel der "minimalen Krankheitsaktivität" näherkommen.

Was sind die Hauptziele bei der Behandlung von Neurodermitis?

Dr. Prillinger: Unser vorrangiges Ziel ist es, die Beschwerden der Patienten auf ein Minimum zu reduzieren, um deren Lebensqualität erheblich zu steigern. Wir sprechen hier von dem wissenschaftlich validierten Konzept der "minimalen Krankheitsaktivität". Es geht darum, ein möglichst klares Hautbild zu erreichen und gleichzeitig die subjektive Beeinträchtigung so gering wie möglich zu halten. Dieser Ansatz ist darauf ausgelegt, dass Patienten ein normales Alltagsleben führen können, ohne ständig durch Beschwerden wie den Juckreiz eingeschränkt zu sein.

Welche Rolle spielen Fragebögen und Scores bei der Therapiefindung?

Dr. Prillinger: Fragebögen und Scores sind wichtige Hilfsmittel, um den Schweregrad der Erkrankung und den Therapieerfolg objektiv zu beurteilen. Sie helfen uns, den Zustand der Haut systematisch zu erfassen und auch die subjektiven Beschwerden wie Juckreiz oder Schlafstörungen besser einzuordnen, um die richtige Therapie auszuwählen. Dazu nutzen wir medizinische Scores wie den PGA (Physician Global Assessment) oder den EASI (Eczema Area and Severity Index).  Der Nachteil ist, dass Scores eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen und im klinischen Alltag oder in der Kassenordination dadurch weniger Anwendung finden.



Den Juckreiz minimieren, das Wohlbefinden deutlich steigern – das zählt zu den wichtigsten Therapiezielen

— Dr. Knut Prillinger


Wann kommen sogenannte Systemtherapien zum Einsatz?

Dr. Prillinger: Bei einem mäßig bis schweren Erkrankungsverlauf bzw. wenn traditionelle topische Behandlungen mit Cremen oder Salben nicht mehr ausreichen, um die Symptome zu kontrollieren, sollte man über einen Therapiewechsel nachdenken. Dabei können Systemtherapien, zum Einsatz kommen – in Form von Biologika (als Spritzen, Pens verfügbar) oder Januskinase-Hemmer (in Tablettenform). Diese zeitgemäßen Therapien können Patienten dabei helfen, eine „minimale Krankheitsaktivität“ zu erreichen.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Behandlung von Neurodermitis?

Dr. Prillinger: Die Einschätzung des Schweregrads der Erkrankung kann eine Herausforderung sein, da sich viele Patienten in einer Zwischenstufe befinden. Zudem bestehen oft Vorbehalte gegenüber Systemtherapien, weshalb es umso wichtiger ist, die Patienten über die Vor- und Nachteile zu informieren. Denn die moderne Medizin bietet heute viele Möglichkeiten gegen Neurodermitis vorzugehen. Für die Aufklärung des Patienten braucht man allerdings Zeit. Bei vollen Wartezimmern kann es herausfordernd sein, sich die Zeit für die umfassende Aufklärung zu nehmen.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ihren Patienten bei der Therapieplanung?

Dr. Prillinger: Die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient ist grundlegend für die gemeinsame Entscheidungsfindung. Das setzt auch Vertrauen voraus. Dabei binden wir die Patienten aktiv in den Therapieprozess ein und berücksichtigen deren Wünsche und Ängste. Nur so können wir sicherstellen, dass wir die bestmögliche Therapie für den jeweiligen Patienten finden. 


Über Dr. Knut Prillinger 

Dr. Knut Prillinger ist Oberarzt am Universitätsklinikum in St. Pölten. Zu seinen Schwerpunkten zählen chronisch-entzündliche Hauterkrankungen wie Psoriasis, atopische Dermatitis oder Akne inversa.